Verrenkter Nacken, zerstochene Finger, ungelenke Selfies: Irgendeinmal war genug. Eine Schneiderbüste musste her. Also ein Torso auf einem Ständer, woran eine Hobbyschneiderin alle Änderungen und Drapierungen anbringt, um sie später auf das Schnittmuster zu übertragen. Statt sich verzweifelt vor dem Badezimmerspiegel zu drehen und Nadeln in den Körper Stoff zu stechen, arbeitet man sozusagen mit einem Ersatzkörper. Doch nicht irgendeinen – ich wollte meinen. Denn egal, ob Ready-to-Wear-Kleider oder Off-the-Shelf-Büsten, mein Körper ist jenseits jeglicher Zielgruppenvorstellungen.
Vor Jahren hatte ich bereits ein kleines, kanadisches Unternehmen im Auge. Dessen Geschäftsmodell ist ähnlich wie die (gescheiterte) Idee der Kleidermarke Zozo: Die Kundin erhält einen lustigen, hautengen Anzug nach Hause (Stichwort: Mocap), scannt den eigenen Körper mit dem Smartphone, und das Unternehmen fertigt daraus eine Schneiderbüste. Damals ging die Idee von Zozo ein, weil die Messungen viel zu ungenau waren. Zufällig entdeckte ich ein Schweizer Unternehmen, das ebenfalls Schneiderbüsten auf Mass anfertigt; und da ich gerne lokale Geschäfte unterstütze, unternahm ich einen Roadtrip in die Heimatregion von Wilhelm Tell.
Am Dorfeingang begrüssten mich bereits die Statuen von Tell und Walter, doch bei “Zimmermann Büsten” war es keine Frau Zimmermann, sondern Jenny Curtins: Die gelernte Damen- und Theaterschneiderin folgte während Corona dem Ruf ihrer heimatlichen Berge und kehrte nach Schwyz zurück. Dort kam sie in Kontakt mit der bereits älteren Inhaberin von “Zimmermann Büsten”, einem Betrieb, der seit 1937 Büsten von Hand herstellt. Von ihr lernte sie das Handwerk, übernahm den Betrieb und beschloss, den Fertigungsprozess um einen Twist zu erweitern.
Und hier kommt das wundersame Venn-Diagramm “Hobbyschneiderin” und “Computernerd” ins Spiel. Treffen sich nämlich klassisches Handwerk und moderne Technologie, ist meine Neugierde geweckt. In einem iterativen Prozess entwickelte Jenny Curtins eine neuartige Schneiderbüste auf Mass, wobei sie das gelernte, traditionelle Büstenhandwerk um moderne Technologien erweiterte. Ihre Innovation traf genau meine Schnittmenge, und als Journalistin wäre daraus sofort eine Reportage geworden. Nun arbeite ich aber in der Infosec, und mein kleiner Blog muss für die Story herhalten.
Ich betrat also das Obergeschoss des Chalets, wo sie zusammen mit einer Freundin ihr Atelier beherbergt. In einem holzgetäferten Zimmer mit niedriger Decke zwängte ich mich zuerst in Shapewear, um allfällige Unebenheiten auszugleichen. Dann betrat ich eine kleine Plattform ohne mir den Kopf an der niedrigen Decke anzustossen, und erstarrte in der Pose einer Schaufensterpuppe. Während die Plattform rotierte und ich sie mit Fragen löcherte, nahm Jenny Curtins mit einem 3D-Handscanner meine Körperform digital auf. Zu meiner Überraschung hat die Technologie in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht und sich von einem hochpreisigen Industrieprodukt zu kommerzialisierter Massenware entwickelt. Massenware, die Innovation im Kleinen ermöglicht. Schliesslich bestaunte ich mein 3D-Rohbild im Handscanner – eine Punktewolke mit noch vielen Unebenheiten, die später am Computer ausgebessert werden müssen.
Danach folgt der Schritt von digital zu analog: Das finale Modell wird im 3D-Drucker gedruckt und dann in klassischer Fertigungsweise zu einer Büste verarbeitet. Der Torso wird aussen gekleistert, mit einer Wattierung versehen und danach mit Stoff satt überzogen. Same-Day-Delivery ist ausgeschlossen – der ganze Prozess dauert mehrere Monate. Und wenn schon lokal, dann richtig: Der Holzständer kam gleich vom ansässigen Drechsler.
Drei Monate später kam sie endlich, die Schneiderbüste, die verdrehte Nacken, zerstochene Finger und ungelenke Selfies erübrigt. Ein Meilenstein nach bald zehn Jahren Hobbyschneiderei: Check! Und last but not least: Bessere Bilder! Denn die Büste ermöglicht, den Blog hier mit besseren Aufnahmen meiner Werke zu zieren. Zwei ältere Blog-Posts haben deswegen gleich bessere Bilder erhalten:
Schlussnotiz 1: Es gibt bewusst keine Links - der Post ist keine gesponserte Werbung, sondern eine Würdigung des Venn-Diagramms “klassisches Handwerk trifft moderne Technologie”. Wer mehr zum Unternehmen wissen möchte, weiss wie googeln.
Schlussnotiz 2: Der Blog-Post entstand zuerst auf Englisch, aber irgendwie hing ich fest. Der Text wollte einfach nicht von der Hand gehen. Wechsel auf Deutsch, und siehe da – die Worte flossen. Ein Fall von lokalem Einkaufen, lokalem Schreiben.
Last modified on 2025-09-07
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