In einem geisteswissentschaftlichen Haushalt aufzuwachsen bietet gewisse Vorteile. Odysseus war spätestens als Teenager ein alter Bekannter. “Die rosenfingerige Eos” eine vertraute Wendung. Als Erwachsene hatte sich der “Odyssee”-Comic von Frieda Bünzli längst in mein Gehirn eingebrannt. Und ja, nach Kirke tragen die Gefährten noch einige Panels lang Säulischwänzli.
Nun also: “Die Odyssee” von Christopher Nolan, gedreht auf IMAX für IMAX. Ein Film in sagenhafter Länge, mit epischem Aufwand und historischem Format.
Ich klatschte in die Hände, als ich die ersten Schafe sah. Polyphem!
Ich schauderte in Anbetracht der Schweinefleischsuppe.
Die Schiffe, so klein – das Meer, so riesig. Ich hob die Hände und sah die ebenfalls erhobenen Hände meines Sitznachbarn. Wir schauten uns an. Das, das ist Kino!
Vor kurzem fing ich die zweite Staffel von “Wednesday” an. Nach zwei Folgen brach ich ab. Zu künstlich, zu wenig real. Berührungen fühlten sich seltsam losgelöst an, das Licht aufgeklatscht, die Figuren bewegten sich wie unverankert im Raum. Wie wenn sich zwei Figuren in Games umarmen: Eine Simulation des Realen, immer nur fast, nicht ganz. Heutiges Filmemachen ist ein Simulakrum geworden bis zum Punkt, dass ausser dem Boden unter den Füssen der Schauspieler:innen nichts mehr echt sein muss.
In Nolan’s Odyssee ist hingegen alles greifbar: Der Zyklop ist ein mechatronisches Konstrukt. Ich rieche den Gestank der Griechen im trojanischen Pferd. Das Mittelmeerlicht ist echt. Die Laistrygonen riesig.
Das ist Kino.
Mit Tricks das Unmögliche möglich machen. Das Unmögliche glauben. Und gleichzeitig als Zuschauerin wissen, mit welchem Risiko der Trick vollführt wurde. “Pass auf!”, möchten wir immer noch Buster Keaton zurufen. Wir spüren die Enge im trojanischen Pferd, weil sich tatsächlich eine Gruppe Menschen samt Kameraleuten in ein echtes Holzwerk gequetscht und Stunden ausgeharrt haben. Und selbst wenn ich dem Film nie verzeihen werde, dass die Frage nach dem Ehebett nicht vorkommt – wir fühlen nach, was Penelope und Odysseus fühlen, als sie endlich wieder zusammenfinden.
Heutige Technologien ermöglichen das Unmögliche derart real zu machen, dass es perfekter als die Realität ist, perfekter als unsere Sehgewohnheiten. Kino ist hyperreal geworden. Und irgendwo vor Greenscreens und im Post-Editing hat das Kino (und Streaming) den Bezug zur Realität verloren, die haptische Bildsprache. Nichts verankert uns mehr in der Realität, und suspension of disbelief benötigt keine suspension mehr, denn alles ist so künstlich, dass es nie real sein kann.
Nach drei pausenlosen Stunden klatsche ich mit dem Rest des Publikums und stehe ich mit steifen Gelenken auf. Das war ein Epos für ein Epos! Passend zum antiken Stoff fühle ich cineastische Katharsis: Genau darum gehe ich ins Kino. Genau darum schaue ich gerne ältere Filme, als Computerkunst noch teuer war und die Schauspieler:innen Blut und Wasser schwitzten. Das ist real. Das ist echtes, greifbares Kino.
Last modified on 2026-08-08
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